Verschwunden ist des Lichtes Macht

Ich seh’ den Mond und Stern’ am Himmel

Hier herrscht die Stille und die Nacht

Ich gehe fort, und zwar für immer.

 

An jenen Ort, wo jeder lebt

Dort sorgenfrei und ohne Hass.

Und leider das nicht anders geht,

Ausser ich eigens Land verlass’

 

Wenn auch sterbe ich im fremden Land

Mir wird’s so klar in meinem Sinn,

Dass ich mein Leben für die Menschheit gab,

dass ich den Menschen treu geblieben bin.

 

Aber ob Pech kommt oder Glück,

Hierher ich kehre nicht zurück.

Dieses autobiographische Werk beschreibt die realen Geschehnisse, die sich dem Autor in der Zeit von 1995 bis 2010 ereignet haben, in seinem Wunsch, die bestehenden staatlichen und mentalen Grenzen zu überwinden. Sie führten ihn in einen hoffnungslosen Kreislauf, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien.
 
Einige der Namen der Teilnehmer dieser Erzählung wurden geändert, um ihre Privatsphäre und ihr Privatleben zu schützen. 

         Mehrere Dutzend Menschen versammelten sich vor der kanadischen Botschaft in Bukarest. Alle waren  repräsentativ bekleidet, ja sogar festlich. Ungewöhnlich für eine chaotische und arme Stadt Mitte der 1990er-Jahre. All diese Menschen verfolgten das gleiche Ziel: Es war ein Aufnahmetag für Visumanträge, und alle freuten sich darauf, hineingelassen zu werden. Wie immer in solchen Situationen, nicht sofort, sondern nach mühsamem Warten, mit einer spürbaren Verzögerung, kam zu den Toren der Botschaft ein schlafmüder Mitarbeiter heraus und begann mit elefantenhafter Langsamkeit, die zum Ausfüllen notwendigen Formulare zu verteilen. Ich griff auch nach einem Exemplar. Und als ich endlich eins bekam, hockte ich mich hin und stellte mich auf das penible Ausfüllen ein, direkt auf der Bordsteinkante. Alle machten das auch so, schief und krumm: Einige setzten sich hin, wie ich, und legten die Formulare auf die Knie, dann gab es einige, die Papiere einfach in die Luft oder gegen den Zaun der Botschaft hielten.

          Alle versanken leidenschaftlich im Text, der voller verschiedener, meist sehr persönlicher Fragen steckte. Jeder hatte der kanadischen Regierung alle Details mitzuteilen: vom Familienstand, der Anzahl Geschwister, dem Beruf, der Ausbildung bis hin zum Mädchennamen der Großmütter. Versagte jemand im Interview, wäre die Einreise nach Kanada für die nächsten Jahre garantiert gesperrt. Einige Fra- gen waren so strukturiert, dass es in Zukunft möglich sein dürfte, jeden zu identifizieren, der abgewiesen wurde, falls jemand seine persönlichen Daten danach ändern wollte, zum Beispiel, um den Mädchennamen seiner Mutter oder anderer Verwandter zu übernehmen. Aber die meisten schienen optimistisch zu sein. Ich zählte definitiv zu dieser Mehrheit. Wie hätte es sonst sein sollen?! Das war mein einziger Weg! Ich wollte nicht einmal an andere Optionen denken. Deshalb antwortete ich so ehrlich wie möglich.

         

        Sobald alle Formulare ausgefüllt und eingesammelt waren, wurden wir noch eine Weile an der Sommersonne gehalten, die am Morgen schon zu kochen begann. Wahrscheinlich, um auf diese Weise unsere Geduld auf die Probe zu stellen, bis sie uns schließlich reinließen. Danach mussten wir in einer ordentlichen Warteschlange in der Botschaft selbst stehen. Nachdem ich alle notwendigen Unterlagen eingereicht und den erforderlichen und nicht zurückzuerstattenden Betrag an der Kasse der Botschaft bezahlt hatte, wurde ich in einen speziellen, für Interviews vorgesehenen Raum eingeladen. Als ich meinen Pass durch den Schlitz unter dem dicken Glas an einen netten Herrn reichte, setzte ich mich auf den mir höflich angebotenen Stuhl. Vor mir, auf der anderen Seite, hinter einem sehr dicken, wahrscheinlich kugelsicheren Glas, saß ein Kanadier. Er sah ungefähr so aus, wie ich mir Kanadier vorgestellt hatte: schlank, mit einem unscheinbaren Äußeren, einer gepflegten, modischen Brille, etwas arrogant, vielleicht aufgrund der herben Erfahrung, die er in dem Land gemacht hatte, in dem er zu Diensten war. Neben ihm, zu seiner Rechten, brav ausgestreckt, stand eine rumänische Übersetzerin, die mich an eine Schülerin in Uniform in der Morgenmatinee erinnerte. Ihre Aufgabe bestand darin, die Worte aus dem Mund des Kanadiers blitzschnell zu übersetzen. Manchmal gelang es ihr durch eine übermäßige Anstrengung sogar, im Takt seines Atems zu sprechen. Mein durchschnittliches Englisch war viel besser als schwaches Rumänisch. Nachdem ich sie mir also ein wenig angehört hatte, weigerte ich mich, Übersetzungsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Ein Gedanke ging mir sofort durch den Kopf: «Hätte ich lieber nach Moskau gehen sollen?»

 
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